Die Schweiz, Zuwanderung und Bürgerrecht. Ein beschämendes Kapitel.

Am 9. Februar stimmt die Schweiz „Gegen Masseneinwanderung“ ab. Eine Initiative lanciert von der SVP und unter anderem getragen von ehemaligen „Ausländerinnen“, will einen weiteren Strich entlang einer absurden Grenze ziehen.

Aus Auslandsschweizerin[1] hat frau es ja eigentlich gut, zumindest wenn frau so wie ich nirgends wirklich verankert ist. Während andere sich über schwachsinnige Politikerinnen ärgern müssen, kann ich mir sagen: zum Glück ist das ja nicht meine Landespräsidentin. Und obwohl ich regelmässig die NZZ überschaue[2], tut es mir mit jedem Jahr in der Ferne etwas weniger weh, wenn in Helvetien wieder mal über Absurditäten diskutiert oder abgestimmt wird. Am 9. Februar wird das anders sein: einmal mehr stimmt die Schweiz über ein Thema ab, das mich eigentlich mehr betrifft als wohl 95% Prozent der Stimmenden, zumindest im Bewusstsein.

Nein, nicht dass ich über die wirtschaftlichen oder politischen Konsequenzen schreiben will, dazu wurde ja bereits genug gesagt. Was mich bedrückt ist die Tatsache, dass ich mich immer mehr von meinen „Staatsbürgergenossinnen“ entfremde  und dass es mir leider immer etwas schwieriger fällt, mich mit der Schweiz zu identifizieren. Gerade in Australien leide ich ja schon genug unter Elitismus und Isolation, wieso muss denn die Schweiz in dieselben Fussstapfen treten?
Klar, in einer Welt, in welcher die Situation für viele enger und die globalen Probleme immer grösser werden, ist es am einfachsten, wenn frau die Grenzen abriegelt, solange frau obenauf schwimmt. Das hat Australien verstanden und das wissen auch die Schweizerinnen.
Ich frage mich ob sie auch wissen, wer denn eigentlich das Privileg hat, Schweizerin zu sein?

Da war ich neulich in der Botschaft in Sydney um meinen Pass zu erneuern. Vor mir eine Dame (Anfang-Mitte 60) mit ihrer Mutter (80 oder mehr?). Beide sprachen Englisch. Die ältere Dame mit leichtem Akzent; ihr Äusseres liess sie entfernt schweizerisch erscheinen, obwohl sie wohl die Mehrheit ihres Lebens im Ausland verbracht hat. Ganz anders die Tochter. In klarem Oxford-Englisch sprach sie von guten alten Zeiten in Johannesburg, eine Landessprache beherrschte sie wohl kaum[3]. Als sie dann wissen wollte innerhalb welcher Frist ihr Grosskind auf der Botschaft angemeldet werden müsse, damit es Schweizer Bürgerin sei, musste ich dreimal leer Schlucken. Ich hatte mir zu diesem Thema zuvor gar nie Gedanken gemacht.

schweizer passSchweizer Pass. Genügend Geld und er gehört Ihnen.

Eine kurze Recherche im Internet gab sogleich Antwort auf die Frage: „Schweizer Bürgerin oder Bürger ist von Geburt an: das Kind, dessen Eltern miteinander verheiratet sind und dessen Vater oder Mutter Schweizer Bürgerin oder Bürger ist…..“. Ein Privileg, das sich also vererben lässt. Und zwar über Generationen, egal wie weit weg vom „Heimatland“ die Betroffenen leben.
Ganz anders sieht es bei Bürgerinnen mit anderen Nationalitäten aus, die seit Jahren in der Schweiz leben und arbeiten. Egal ob mit Schweizer Partnerin verheiratet und/oder Vater/Mutter von Schweizer Kindern, wird erst Schweizerin wer zuerst entsprechend ins Portemonnaie greift. Privilegien verschenkt man nicht, schon gar nicht an Ausländer!
Doch genau wie in Australien, hilft auch in der Schweiz genügend Geld um sämtliche bürokratische Hürden im Flug zu überspringen. Hinten anstehen gilt für Wohlbetuchte nicht.

Obwohl in der Schweiz stets einiges nicht lief, wie ich es mir wünschte, habe ich mich bis jetzt nie geschämt, mit einem Schweizer Pass zu reisen; vor allem wegen der roten Farbe, welche – falls frau elegant das kleine Kreuz verdeckt – in Ton und Format an Marx‘s „rote Büchlein[4]“ erinnert. Ein Ja am 9. Februar könnte dies definitiv ändern.


[1] Im Text verwende ich bewusst bloss die weibliche Form. Der Text bezieht sich jedoch auf Männer und Frauen zugleich.

[2] Ich finde es aus globaler Sicht eine der übersichtlichsten und am meisten informativen Zeitungen.

[3] Anders als mit mir, sprachen die Botschaftsangestellten bloss in Englisch, was meine Vermutung bekräftigte.

[4] Marx/Engels „Manifest der Kommunistischen Partei“

kommunistisches manifest

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About blaubear

Born in 1973 in a small village in rural Switzerland and into a society largely dominated by cows (not only was the human population of one-hundred-and-forty outnumbered by them, but politics driven by unreasonable subsidies for diary products) I was connected with nature from early age on. Observing nature on one hand and the deficiencies of a dysfunctional Swiss agricultural policy with farmers that had lost connection to the land that provided their income on the other, I soon started to question society and the meaning of life. Suffering also under a farcical public education I developed curiosity to discover on my own. That was how I soon learned that little of what I had been taught was true. Skepticism and interaction with people from for me new cultures fostered my interest for the world and eagerness to leave a life shaped by federalistic layman-ship. At the age of twenty-three I hit the road for the first time, an event that later translated into passion. Traveling between cultures has since become part of my life. At the age of thirty-three I finally realized my dream and did a degree in Environmental Engineering from which I graduated in 2009, only to leave Switzerland once more for my "real home" Spain. Unfortunately, the stay was a short one: a couple of months later I was offered a job in Southeast Asia, where I worked and also lived (with some interruptions, e.g. I live in Melbourne since late 2012) ever since. Having worked for a Japanese company earlier in my life, I soon felt captured again by Asian culture and thinking which makes a lovely contrast to my European heritage. My journey through different countries and cultures has taught me that regardless of how different our thinking and values are, no matter what approaches we take, we all can learn from each other. And if we are open enough to see the common instead of pointing out the differences, then we have a chance to live in harmony and peace: Life is all about integration, not exclusion! It's an old wisdom that "knowledge is power", as such I never get tired of being around new people, having interesting talks, and reading lots of good books. I hope that my blog can contribute to the conversation.
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