Kunst und Politik. Oder: vom Fressen der Dicken.

Nach einem Jahr ist eine Hetzrede gegen Urs Mannhart zu Gunsten des Berner Schriftstellers ausgegangen. Verloren haben dabei alle, auch wenn die Kunst nie in Gefahr war, wie Roman Bucheli in der NZZ schreibt.

In seinem Artikel erwägt Roman Bucheli den Eindruck, dass er dem Autoren Mannhart noch nicht so richtig ‚verziehen‘ hat, versucht er doch einmal mehr seine Meinung zu bekräftigen, der Autor hätte tatsächlich einen Diebstahl begangen, die Frage sei bloss gewesen, ob es sich um eine Bagatelle handelte oder nicht. Was die meisten Zeitungslesende wohl bereits vergessen haben, ist die Lobrede die Roman Bucheli kurz nach Erscheinen des Romans im Juni 2014 in derselben NZZ publiziert hatte. Von „seinem dritten und bisher besten Roman” schrieb Bucheli damals. Nun, die Frage was diesen Wandel Buchelis wohl ausgemacht hat ist leichter mit etwas Verständnis für Politik als mit Fragen der Kunst zu beantworten.

Erstens ist Mannharts Roman nicht eigentlich wie wiederholt dargestellt eine Hommage an den anklagenden Thomas Brunnsteiner, der wie Bucheli früher für die NZZ geschrieben hat, sondern ein ‚Aufmupf‘ gegen ein Europa, das sich immer mehr im Sumpf der Politik verheddert. Es ist ein Journal, das Tatsachen künstlerisch verwebt, welche Politik und Justiz bisher unfähig waren, fair zu beurteilen, ja nicht einmal zu diskutieren. In diesem Sinn ist Mannharts Werk ein Versuch, Moral in einer Zeit zu diskutieren, in der Menschlichkeit unter Themen wie Frankenstärke, Deflation, Pensionskassenrisiko und Börsenturbulenzen zu vergessen geraten. Dass ein politischer Roman in einem sich mehr und mehr im Rechtspopulismus untergehenden Europa in elitären bürgerlich-recht geprägten Kreisen nicht gerade für Stimmung sorgt, sollte nicht überraschen. ‚Bergsteigen im Flachland‘ ist “eine bestürzend genaue Signatur unserer Zeit“ schrieb Bucheli in seinem Artikel am 17. Juni 2014. Eine Signatur, die eine elitäre Oberschicht Europas nicht braucht. Dass eine Hetzrede gegen ein politisch motiviertes Buch aus diesem Milieu gestartet wurde, ist denn mehr konsequent als überraschend.

Aus Sicht der Justiz sollte die Frage der Gerechtigkeit nicht die Kunst betreffen, sondern das Verfahren gegen Urs Mannhart. Gegen den Richter etwa, der sich ohne die Tatsachen genauer abzuklären Druck und Vertrieb des Romans ‚Bergsteigen im Flachland‘ unmittelbar stoppen liess. Vielleicht sollte die Justiz auch die Verbindung zwischen NZZ, wo die Hetzrede gegen Mannhart gestartet ist und Brunnsteiner der früher für die NZZ geschrieben hat etwas besser ausleuchten. Dass Medien heute mehr Macht haben als Richter ist wohl allgemein bekannt. Etwas weniger verbreitet ist das Wissen um Lobbying in der Schweiz wie der Fall Markwalder illustrierte.

Die Macht von Lobbyisten wäre nicht so gewaltig, wenn Journalismus wirklich wäre, was er anstrebt, nämlich das Ausleuchten von Tatbeständen und das Verbreiten von Tatsachen. In einer Zeit in welcher auch die Medien bloss von Geld und Lobbying manipuliert sind und in welcher gerade unter enormem Druck schreibende JournalistInnen gerne mal links und rechts abschreiben, geht es dann bald einmal nicht mehr um Tatbestände, sondern um das schnelle Verbreiten von Neuigkeiten, wobei die Qualität und Richtigkeit des Geschriebenen von minderer Bedeutung sind. Lesende, die bloss die BZ durchblättern, sind letztendlich wenig daran interessiert ob nun Mannhart oder die BZ Reporterin Anne-Sophie Scholl abgeschrieben hat, wichtig ist der Skandal, nicht dessen Richtigkeit.

Was stolze BesitzerInnen des Buches ‚Bergsteigen im Flachland‘ wie ich schon lange wissen, ist dass Urs Mannhart mit seinem Buch bloss eines wollte, nämlich für ein gerechteres Europa kämpfen und sich mit seinem Schreiben gegen eine zusehend unmenschlichere Bürokratie stemmen, die Menschen nicht mehr als Individuen betrachtet, sondern als Mittel zum Zweck. Es mag sich gegen ihn materiell nicht ausbezahlt haben, sich mit seinem Werk genau in der Zeit für die Menschenrechte einzusetzen, als die Zürcher SVP zum Angriff auf diese Menschenrechte in der Schweiz los marschierte. Der Mut spricht jedoch für Urs Mannhart. Wie er auch in seinem ersten Roman ‘Luchs‘ angedeutet hat, scheut er sich nicht, Tabuthemen aufzugreifen. Er reiht sich damit unter schriftstellerische Grössen wie Mayakowsky, Solschenizyn, Borchert, Bulgakov, Gogol oder den Soziologen Jean Ziegler, die der Wahrheit auch dann ein Sprachrohr ausgeliehen haben, wenn die Politik sich dagegen strebte. Die Gegenwart braucht mehr denn je AutorInnen, die sich durch scharfes Denken auszeichnen und ein ‘Freispruch’ Urs Mannharts ist deshalb mehr als ein juristisches Urteil.

Um mit den Worten Tuschowskayas in ihrer Rede zum Ausschluss vor dem Sowjetischen Schriftstellerverband zu schliessen: „Die Literaturgeschichte –und nicht Sie– wird auch heute entscheiden, wer ein Schriftsteller und wer ein Usurpator ist.“ Die Frage zwischen Kunst und Justiz stellt sich deshalb gar nicht, denn Kunst braucht keine Gerechtigkeit. Kunst schafft Gerechtigkeit!

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About blaubear

Born in 1973 in a small village in rural Switzerland and into a society largely dominated by cows (not only was the human population of one-hundred-and-forty outnumbered by them, but politics driven by unreasonable subsidies for diary products) I was connected with nature from early age on. Observing nature on one hand and the deficiencies of a dysfunctional Swiss agricultural policy with farmers that had lost connection to the land that provided their income on the other, I soon started to question society and the meaning of life. Suffering also under a farcical public education I developed curiosity to discover on my own. That was how I soon learned that little of what I had been taught was true. Skepticism and interaction with people from for me new cultures fostered my interest for the world and eagerness to leave a life shaped by federalistic layman-ship. At the age of twenty-three I hit the road for the first time, an event that later translated into passion. Traveling between cultures has since become part of my life. At the age of thirty-three I finally realized my dream and did a degree in Environmental Engineering from which I graduated in 2009, only to leave Switzerland once more for my "real home" Spain. Unfortunately, the stay was a short one: a couple of months later I was offered a job in Southeast Asia, where I worked and also lived (with some interruptions, e.g. I live in Melbourne since late 2012) ever since. Having worked for a Japanese company earlier in my life, I soon felt captured again by Asian culture and thinking which makes a lovely contrast to my European heritage. My journey through different countries and cultures has taught me that regardless of how different our thinking and values are, no matter what approaches we take, we all can learn from each other. And if we are open enough to see the common instead of pointing out the differences, then we have a chance to live in harmony and peace: Life is all about integration, not exclusion! It's an old wisdom that "knowledge is power", as such I never get tired of being around new people, having interesting talks, and reading lots of good books. I hope that my blog can contribute to the conversation.
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